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Interessengemeinschaft Kritische Bioethik Bayern

zum Nationalen Ethikrat

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Letzte Aktualisierung: 24.01.02

Prof. Dr. Wolfgang van den Daele

Prof. Dr. Wolfgang van den Daele, Jahrgang 1939, ist Direktor der Abteilung "Normbildung und Umwelt" am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB).

Er absolvierte ein Studium der Rechtswissenschaft und der Philosophie in Hamburg, Tübingen und München. Seit 1989 ist er Professor für Soziologie an der Freien Universität Berlin. Seine Hauptarbeitsgebiete sind Wissenschafts- und Technikforschung, Umweltforschung, Regulierung neuer Biotechnologien.

Von 1985-1987 war er Mitglied der Enquetekommission des Deutschen Bundestages zu Chancen und Risiken der Gentechnologie.

Forschungsschwerpunkte:

  • Technikentwicklung und gesellschaftlicher Wertewandel
  • Diskursverfahren und Konfliktregelung
  • Regime des Schutzes geistigen Eigentums

Kontakt:

Prof. Dr. Wolfgang van den Daele,
Direktor der Abteilung "Normbildung und Umwelt"

Tel: + 49 (0)30 25491 260
Fax: + 49 (0)30 25491 219
Email: daele@medea.wz-berlin.de
 

Antworten auf bioethische Fragen

Zu Wolfgang van den Daele gab es in Vergleich zu manch anderen Mitgliedern des Ethikrates relativ wenig auswertbares Material. Dennoch kann man ihn nach einem sehr aufschlußreichen Interview in der Welt vom 30.05.01, aus dem nachfolgende Statements stammen, zu den Fortschrittsgläubigen im Ethikrat zählen.

So befürwortet er beispielsweise einen abgestuften Lebensschutz des Embryos, da sich diese an der Praxis orientiere. Sich auf Praxis zu berufen, sei bei moralischen Fragen natürlich prekär, weil dann sofort das Argument kommt, die Praxis sei eben unmoralisch. Aber er hält dagegen, woher man wissen solle, was in diesem Fall moralisch ist. Dazu führt er weiter aus: "Zieht man das aus dem christlichen Glauben oder einer Verfassungsinterpretation, oder beruft man sich auf so etwas wie den moralischen Menschenverstand, der den Test der Diskussion aushält? Einen solchen Test hätte die Apartheit oder die Mordkultur der Nazis nicht ausgehalten. Die Berufung auf das, was von vielen Menschen als angemessen empfunden wird, ist kein schlechter Maßstab."

Das Argument bei einem abgestuften Schutz gäbe es irgendwann kein Halten mehr hält er für empirisch falsch. Eine Abstufung gebe es auch bei der Abtreibung. Bis zur zwölften Woche werde sie hingenommen, danach nicht. Van den Daele: "Wir ziehen eine zeitliche Grenze, die gewiss etwas Willkürliches hat - aber niemand würde sagen, man könne einen Fötus kurz vor der Geburt legitimerweise töten." Die Gesellschaft könne mit Grenzziehungen umgehen, ohne dass es zu Dammbrüchen komme.

Die Frage, ob Orientierung an Wirtschaftsperspektiven und am Fortschritt nicht zwangsläufig zu immer neuen Dammbrüchen führe, bezeichnet er als "einen unglücklichen Zungenschlag, den der Kanzler da hereingebracht hat, als er von Standort und Forschungsfreiheit geredet hat." Die könnten nicht in eine moralische Bewertung einfließen. Dabei bezieht er sich auch auf Johannes Rau, der gesagt hat, dass es nicht sein könne, dass wegen trivialer Nützlichkeitsvorstellungen der Embryonenschutz aufgegeben wird. Darum gehe es aber auch nicht.

Das Einzige, was in die moralische Bewertung gehöre, sei die Frage, ob man den an sich klaren Schutz eines Embryos angesichts der Tatsache verringern kann, dass wir dadurch hochrangige Rechtsgüter wie den Schutz der Menschen vor Krankheit und Tod befördern können. Sprich ob man Embryonen, die in vitro vorhanden sind, die nicht für diesen Zweck erzeugt wurden, statt sie sterben zu lassen, in der Forschung für Zwecke verbraucht, die später vielen Menschen Leiden ersparen könnten. Darin läge für van den Daele ein moralischer Konflikt. "Moral steht gegen Moral, wir haben eine Fürsorgepflicht den Kranken gegenüber. Diesem Konflikt muss man sich stellen, man darf ihn nicht verwischen."
Den naheliegenden Schluß einer Instrumentalisierung von Menschen, nach dem erst der Embryo instrumentalisiert wurde findet er ausgesprochen unplausibel. Als Beispiel nennt er die Abtreibung.
Mehrere hunderttausend Fälle pro Jahr seien faktisch begründet mit der Selbstbestimmung der Frau. Jetzt könne man doch sagen: "Wenn man sich aus Selbstbestimmung gegen das Leben eines ungeborenen Kindes entscheiden kann, dann wird das zu dem Anspruch führen, sich aus Selbstbestimmung gegen das Leben eines geborenen Kindes entscheiden zu können." Nichts davon sei in der Gesellschaft zu beobachten.

In Bezug auf die Präimplantationsdiagnostik und einem möglichen Dammbruch hin zu einer Selektion bestätigt er, dass das Selektionsverhalten zunehmen werde. Dies sei aber kein Problem der PID, da dies höchstens ein paar hundert Fälle im Jahr seien, sondern der Pränataldiagnostik, die zur Routine der Schwangerschaftsvorsorge gehört, Fruchtwasseruntersuchungen oder Ultraschall. Dort würden immer Informationen darüber erzeugt, ob das Kind gesund ist. Wenn es das nicht sei und abgetrieben werde, sei das eugenische Selektion.

Generell vertritt er die Auffassung, dass es bei der PID natürlich Regeln geben muss. Er findet die Auffassung jedoch etwas seltsam, einen eingenisteten Fötus unter diesen Bedingungen abzutreiben, aber einen nicht eingenisteten Embryo nicht ausschließen zu dürfen. Einerseit verbiete man die Befruchtung auf Probe, erlaube aber dagegen die Schwangerschaft auf Probe. "Für mich wiegt die Tötung eines Fötusses schwerer als die Tötung eines Embryos.", sagt van den Daele.

Was den Import von Stammzellen anbelangt, so hält er ein Moratorium für "durchaus akzeptabel", da es etwa adulte Stammzellen als Alternativen geben könnte. Dennoch sei ein Moratorium kein absolutes Verbot. Man halte im Prinzip eine Güterabwägung für zulässig, wisse aber noch nicht, ob die Abwägung sich erübrigt, weil man den Kranken auch anders helfen kann. Das sei ein ganz anderes Signal als zu sagen, der Embryo habe Menschenwürde. "Wenn sich diese Definition durchsetzt, dürfte man selbst dann die Embryonen nicht verwenden, wenn sich herausstellen sollte - was im Moment ganz offen ist - dass therapeutisches Klonen der einzige Weg ist, um vielen Menschen mit schweren Krankheiten zu helfen."

Vor dem Hintergrund seiner Mitgliedschaft im Ethikbeirat beim Gesundheitsministerium erwartet er sich vom weiteren Verlauf der Diskussion und vom Nationalen Ethikrat relativ wenig. Ethikräte generell hält er für sinnvoll, weil sie die Struktur des Konflikts besser erkennbar machen könnten. Das sei ihre einzige Funktion.

Zitat Daele: "Sie (die Ethikräte) sollen die Konflikte nicht entscheiden, sondern sie so klar wie möglich präsentieren und dabei Demagogie, falschen Schlüssen und vorschnellen Schuldzuschreibungen vorbeugen. Mehr nicht. In Ethikräten sitzen keine Spezialisten für moralische Antworten, die gibt es nicht. Die Antwort muss jeder/jede schließlich selber finden - wie bei der Abtreibung."
 

Quelle:
http://www.wz-berlin.de/nu/staff_neu/vddaele.de.htm
DIE WELT vom 30.05.01: "Wir können mit Grenzen umgehen" - Ein Interview

 

Gesammelte Texte zu Wolfgang van den Daele

Forschungsschwerpunkt Technik - Arbeit - Umwelt:
Die Natürlichkeit des Menschen - Medizin oder Humantechnologie?

Wissenschaftszentrum Berlin (WZB), WZB Mitteilungen 90 vom Dez. 2000
Von Wolfgang van den Daele
4 Seiten im PDF-Format
Anmerkung: Sehr lesenswert!

http://www.wz-berlin.de/nu/staff_neu/vddaele.de.htm
Infos zu Wolfgang van den Daele auf der Seite des Wissenschaftszentrums Berlin

http://www.wz-berlin.de/nu/staff_neu/vddaele_publ.de.htm#Publikationen
Hier finden sich veröffentlichte Wolfgang van den Daele -Publikationen

Genforschung als Theologenforschung
SÜDDEUTSCHE ZEITUNG 05.01.01
Anmerkung: Hier geht es auch um die Mitteilung des WZB (siehe oben)

Zweierlei Moral
Forschung an embryonalen Stammzellen? Im Ethikbeirat der Gesundheitsministerin war kein Konsens in Sicht. Nun wird der Rat aufgelöst
Von Wolfgang van den Daele
DIE ZEIT 19/2001 vom 03.05.01

"Wir können mit Grenzen umgehen"
Ethikrat-Mitglied Wolfgang van den Daele fordert eine Bio-Ethik, die sich an der gesellschaftlichen Praxis orientiert - Ein Interview
DIE WELT 30.05.01

US-Firma will menschliche Embryonen klonen
Washington - Amerikanische Wissenschaftler wollen Embryonen aus den Körperzellen erwachsener Patienten klonen, um daraus Stammzellen für die Züchtung von Transplantationsgewebe zu gewinnen. Die Biotech-Firma Advanced Cell Technology in Worcester (Massachusetts) habe bereits mit entsprechenden Experimenten zum therapeutischen Klonen begonnen, berichtet die "Washington Post".
DIE WELT 13.07.01

In der Petri-Schale gibt es keine moralischen Konflikte
Experten bezweifeln, daß sich die Präimplantationsdiagnostik begrenzen läßt
BERLIN (hak). Die Einführung der Präimplantationsdiagnostik (PID) wird nicht auf wenige Indikationen zu beschränken sein. Darin sind sich Experten weitgehend einig. Die Frage, an der sich die Geister scheiden, ist: Wäre das wirklich besorgniserregend? Würde PID an den Grundfesten von Grundgesetz und gesellschaftlicher Moral rütteln?
Diese Grundsatzdiskussion führten jetzt erneut Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin, die Soziologin Professor Elisabeth Beck-Gernsheim und das Mitglied des Nationalen Ethikrates Professor Wolfgang van den Daele auf einer Veranstaltung der Katholischen Akademie in Berlin. Ergebnis: Die Diskussion geht weiter.
Ärzte Zeitung, 16.11.2001

Die Vorteile doppelter Moral
In der kommenden Woche wird sich der Deutsche Bundestag mit der Forschung an embryonalen Stammzellen beschäftigen. Er wird eine Frage entscheiden müssen,...
Von Wolfgang van den Daele
...über die weder in der Gesellschaft noch in den Ethik-Kommissionen ein Konsens hergestellt werden konnte.
DIE WELT 25.01.02

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