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So 08.04.2001
letzter Stand: 08.04.2001
 

Interview von Bundeskanzler Gerhard Schröder mit dem "Tagesspiegel", 8. April 2001

Anmerkung C.F.: Dieses Interview wurde auf die relevante Passage gekürzt.

(...)

Frage: Mit dem Wechsel im Gesundheitsministerium von der Grünen Andrea Fischer zur Sozialdemokratin Ulla Schmidt befürchten viele eine Wende in der Gentechnik. Welchen Stellenwert hat Gentechnik in Ihrer Politik?

Schröder: Das ist ein ganz wichtiges Projekt, sowohl ethisch wie auch ökonomisch. Mich beschäftigt seit längerem die Frage, wie wir in unserer Gesellschaft mit Biotechnologie umgehen. Ich möchte aus einer Situation heraus, die konfrontativ ist und die meiner Ansicht nach nicht weiterführt. Ich verstehe die Gefühle derjenigen, die sagen, das packen wir nicht an. Aber ich glaube, dass das kein richtiger Umgang mit dem Thema ist. Und ich möchte nicht, dass man mir, der ich kein prinzipieller Gegner dieser Technologie bin, unterstellt, dass ich nur unethische Motive hätte. Über die Frage nachzudenken, was man mit Gentechnik an Heilungsprozessen bisher unbekannter Art in Gang setzen kann, ist auch ethische Verantwortung. Ich setze noch einen drauf: Es ist nicht unethisch, darüber nachzudenken, ob man einem Volk in einer entwickelten Industriegesellschaft die ökonomische Nutzung dieser Technologie möglich macht oder nicht. Die Biotechnologie eröffnet uns wirtschaftliche Chancen, und sie wird ähnlich wie die Kommunikations- und Informationstechnologie in Zukunft die Volkswirtschaft beeinflussen.

Frage: Wenn Sie die ethische Grundlage Ihrer Position so ausdrücklich betonen, fühlen Sie sich missverstanden?

Schröder: Ich fühle mich manchmal ein bisschen in die Ecke gedrängt, wenn ich darauf bestehe, dass wir auch eine ethische Diskussion über die Verantwortbarkeit der Nutzung führen müssen. Meine Position wird von manchen leicht als ökonomistisch abgetan. Aber man muss vielleicht auch mal darüber nachdenken, dass es auch ethische Konsequenzen hat, wenn wir die Nutzung der Biotechnologie unterlassen.

Frage: Gibt es einen Rahmen, in dem Sie diese Debatte führen wollen?

Schröder: Wir wollen den nationalen Ethikrat einrichten. In ihm werden Kritiker wie Befürworter sitzen. Dieser Ethikrat hat einerseits eine Beratungsfunktion, er soll aber auch helfen, Entscheidungen vorzubereiten. Ich würde ja auch nur in einen solchen Rat gehen, wenn ich die Chance hätte, Entscheidungen mit zu beeinflussen.

Frage: Warum machen Sie die Gentechnik gerade jetzt zu Ihrem Thema?

Schröder: Für mich ist wichtig, dass ich signalisiere, hier geht es um grundlegende politische Entscheidungen. Ich habe die Richtlinienkompetenz und deswegen muss ich in besonderer Weise in solchen schwierigen Fragen beraten werden.

(...)

Mit dem Bundeskanzler sprachen Heik Afheldt, Gerd Appenzeller, Stephan-Andreas Casdorff und Carsten Germis. Das Interview fand am 5. April 2001 statt.
 

Quelle: Offizielle Homepage der Bundesregierung
            http://www.bundesregierung.de

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