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Interessengemeinschaft Kritische Bioethik Bayern

zum Nationalen Ethikrat

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Sa 16.06.2001
letzter Stand: 19.06.2001
 

Den Humanismus erneuern

Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin hat am 12. Juni in Bremen eine Rede gehalten zum Thema: "Das Menschenbild und Ethik im postgenomischen Zeitalter: Für einen erneuerten Humanismus". Darin führt er seine zu Beginn des Jahres in verschiedenen Zeitungen veröffentlichten Überlegungen zur Gen- und Biotechnologie fort, die er im folgenden in einem Gespräch mit der Frankfurter Rundschau (FR) vertiefte.

FR: Herr Nida-Rümelin, sollen wir Ihre Rede in Bremen als Auftakt zu einer Reihe weiterer Interventionen zu dem Thema Bio- und Gentechnologie verstehen?

Julian Nida-Rümelin: Wie Sie wissen, habe ich mich, bevor ich mein Amt als Kulturstaatsminister übernahm, zu dem Thema über zehn Jahre als Philosoph immer wieder geäußert, und ich werde auch Zukunft gelegentlich Stellung nehmen. Man muss allerdings sehen, dass bestimmte Fragestellungen - etwa die Frage, ob die Präimplantationsdiagnostik zugelassen werden sollte - in andere Ressorts gehören. Sie betrifft nicht mein Ressort, es handelt sich dabei nicht um eine kultur-, sondern eher um eine gesundheits- oder forschungspolitische Frage. Entsprechend möchte ich, insoweit ich mich an der Diskussion beteilige, klarstellen, dass es mir um die kulturelle und die philosophische Dimension geht.

Sie sprechen hier ausschließlich als Bürger, Privatperson und Philosoph?

Nein, so kann man das nicht sagen. Ich glaube, dass es richtig ist, wenn etwa in den Feuilletons gegenwärtig das Thema Biotechnologie in kulturpolitischer oder -kritischer Hinsicht eine zentrale Rolle spielt. Es betrifft die Gesellschaft insgesamt, und sie muss sich ein Bild machen. Hier gilt es, einen Minimalkonsens zu finden. Und weil es dabei auch um unser kulturelles Selbstverständnis geht, fühle ich mich als Kulturstaatsminister mit zuständig. Natürlich kann ich nicht ganz verhehlen, dass ich mich als Philosoph mit diesem Thema auseinandergesetzt habe.

Was halten Sie von dem Vorwurf, die Einrichtung des Nationalen Ethikrats - das vom Bundeskanzler am Parlament vorbei eingerichtete Beratergremium für die ethischen Folgen der Bio- und Gentechnologie - würde den Volkssouverän entmächtigen wäre also eine Art kalter Putsch? Haben Sie ein entspanntes Verhältnis zum Nationalen Ethikrat?

Ich habe nicht nur ein entspanntes Verhältnis, ich finde es außerordentlich gut, dass er eingerichtet worden ist. Deutschland hat einen Nachholbedarf an Kommissionen dieser Art, die übrigens im angelsächsischen Bereich sehr segensreich gewirkt haben in den USA vor allem. Von Entmachtung des Souveräns kann nicht die Rede sein; das halte ich, mit Verlaub, für Unsinn. Dieser Rat wird anstelle des Parlaments keine Entscheidung treffen. Er ist außerdem viel zu pluralistisch und divergent zusammengesetzt, als dass da eine einheitliche Haltung zustande kommen könnte, die alle Unterschiede in der Begründung und alle Zweifel zudecken würde. Die diesbezügliche Sorge um ein angebliches Demokratiedefizit scheint mir an den Haaren herbeigezogen zu sein. Derlei soll verdecken, dass wir in Deutschland für lange Zeit ein Defizit an seriösen Auseinandersetzungen hatten.

Wie stehen Sie zu dem institutionenkritischen Argument, dass der Ethikrat - und zwar als Institution - dem Konsens verpflichtet ist? Wenn es nicht einen Entscheidungsdruck gibt, dann doch eine Art Einigungszwang: Man ist unabhängig von den jeweiligen Überzeugungen verurteilt zu einer einvernehmlichen Lösung, weil alle Beteiligten ansonsten blamiert wären. Funktioniert der Ethikrat nicht eher wie eine politische Konsensmaschine?

Ich bin fest davon überzeugt, dass wir in den Grundfragen - etwa: was ist der Status eines Embryos? - keinen Konsens in der Gesellschaft finden werden, und auch keinen Konsens im Ethikrat. Wir brauchen allerdings einen Konsens, was die Regeln betrifft, die den zukünftigen Umgang mit den neuen Möglichkeiten der Biotechnologie steuern. Insofern gehört es zum selbstverständlichen Auftrag von Ethikkommissionen im Allgemeinen und des Nationalen Ethikrats im Besonderen, einen Beitrag zu leisten, dass sich die Gesellschaft auf Grundregeln verständigt. Zu glauben, dass sich die Öffentlichkeit von einem Expertengremium diktieren lasse, was richtig und was falsch ist, geht an der Realität vorbei.

Ist das nicht auch unrealistisch, eine philosophische Fiktion: Der mündige Bürger, jeder, soll sich vernünftig, ausreichend informiert, eigenverantwortlich und doch gemeinwohlorientiert eine gut begründete Meinung bilden?

Niemand wird sich die eigene Meinungsbildung einfach abnehmen lassen. Ich rate sehr dazu, dass wir die Möglichkeit nutzen, rationaler mit Problemen umzugehen, indem wir Personen unterschiedlicher Auffassung über ein Thema beraten lassen. Das kann im übrigen auch dazu beitragen, dass die unterschiedlichen weltanschaulichen Positionen nicht zu geistigen Bürgerkriegen eskalieren.

Zur Zeit erleben wir eine Rückkehr der Natur, des Natürlichen, und zwar im Zusammenhang der Entdeckung des menschlichen Genoms.

Wir erleben ein merkwürdiges Paradox, eine Art doppelten Naturalismus. Zum einen wird uns der Mensch zunehmend als genetisch bedingtes Naturwesen gezeichnet; zum anderen entzünden sich an der Entdeckung des menschlichen Genoms wüste Erlösungs- und Befreiungsfantasien. Hinzu kommt ein Anti-Humanismus, wie er etwa von Peter Sloterdijk vertreten wird: Wir werden Nietzsche in ferner Zukunft verstehen, dies wird dann das Gehäuse unserer humanistischen Selbstzähmung sprengen. Diese trübe Melange ist in der Tat besorgniserregend.

Sie vertreten die These, dass wir nicht beides haben können: ungezügelte Technikeuphorie und alteuropäischen Humanismus. Sie sprechen in diesem Zusammenhang von einem "immensen moralischen Projekt" - und erhoffen sich davon eine Überwindung der alten Gegensätze oder Unvereinbarkeiten?

Wir brauchen einen erneuerten Humanismus. Das meint im Wesentlichen die ethische Substanz des alten Humanismus, aktualisiert auf die veränderten technologischen Handlungsbedingungen. Ich meine hier z.B. die Philosophie des Petrarca. Wir müssen allerdings die Schrumpfformen dieses Humanismus - dass er sich nämlich schon realisiert, wenn wir nur die Schriften der Alten lesen - hinter uns lassen. Der entscheidende Gedanke ist, dass wir das Ideal einer menschlichen Person vor Augen haben, die sich selbst bildet und eine Anstrengung unternimmt, anderen Personen gegenüber einen zivilisierten Umgang zu pflegen. Das ist gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussion um die Biotechnologie bedeutsam, weil wir jetzt Grenzen bestimmen müssen, damit die humane Gesellschaft nicht aus den Angeln gehoben wird. Der humanistische Auftrag, Grenzen zu ziehen, wird jetzt, in dieser Zuspitzung, erneut aktuell.

Können Sie das erläutern?

Die Ambivalenz, mit der wir auf die neuen biotechnologischen Möglichkeiten reagieren, hängt damit zusammen, dass wir humanistisch und aufklärerisch geprägt sind; das meint die Idee, dass wir uns nicht einfach damit abfinden, wie wir sind, sondern dass wir uns möglichst verbessern auf ein Idealbild hin. Eben das beinhaltet auch unsere Verführbarkeit angesichts der neuen Technologien. Das gehört zur Janusköpfigkeit des humanistischen Bildungsideals, zum Prozess der individuellen und kollektiven Selbstbestimmung.

Angesichts dieses Problems wollen Sie sich aber nicht inhaltlich festlegen lassen, was ethische Kriterien angeht? Als Philosoph üben Sie sich in Bescheidenheit und Selbstbeschränkung?

Ja, das sollte die Philosophie generell tun.

Sie fordern ähnliches von der Theologie. Nun haben sich in der gegenwärtigen Gen- und Bio-Debatte insbesondere auch die Kirchen stark engagiert. Sie sollten sich also in mehr Bescheidenheit üben?

Weder die Kirche noch eine philosophische Disziplin wie die Ethik - oder sonstige Experten - können für sich in Anspruch nehmen, die anstehende moralische Herausforderung mit klaren Lösungen zu beantworten. Wir müssen uns in dieser Gesellschaft so auf Regeln einigen, dass sie vereinbar sind mit einem breitem Spektrum an weltanschaulichen, religiösen und kulturellen Prägungen. Es kann nicht sein, dass wir unter der Hand eine weltanschauliche Vorfestlegung vornehmen. Es ist eine große Tradition des liberalen Rechts, neutral gegenüber unterschiedlichen weltanschaulichen Prägungen zu sein. Das erlegt allen Einschränkungen auf - auch solchen großen Weltanschauungsgemeinschaften wie den Kirchen.

Sie vertreten hier - philosophisch - das Konzept von John Rawls: den "übergreifenden Konsens", eine Art realpolitische Schnittmenge allgemeiner Akzeptanz und gegenseitiger Fairness. Ist das aber schon alles?

Das, worauf sich in einem demokratischen Prozess alle einigen, darf nicht den Status einer Grund- oder Heilsgewissheit haben. Es ist vielmehr das Ergebnis eines Prozesses, in dem sich die Menschen von ihren Interessen distanzieren, sich hineinversetzen in die Situation anderer und versuchen Regeln zu finden, die in jeder Perspektive gerecht erscheinen. Das ist, etwas vereinfacht gesagt, der Ansatz von Rawls. Er beschreibt das einzige Verfahren, das einer Demokratie angemessen ist.

Mit der allgemeinen Akzeptanz, auch wenn sie unter optimalen demokratischen Bedingungen zustande gekommen ist, haben wir aber noch nicht alles geklärt; damit ist noch nichts über die objektive Geltung insbesondere moralischer Regeln gesagt. Sie sind nicht nur irgendwelchen Mehrheitsentscheidungen unterworfen.

Nein, das sind sie gewiss nicht. Eine ganze Gesellschaft kann falsch liegen. Wir waren in der Zeit des Nationalsozialismus kurz davor.

Wenn Sie aber sowohl die Akzeptanz als auch die Objektivität moralischer Regeln betonen: Wie sind beide Seiten vereinbar?

Damit sprechen Sie eine schwierige philosophische Thematik an. Auf der einen Seite gibt es die moralischen Objektivisten oder Realisten; sie sind der Meinung, dass objektiv begründbare, also klar und unverrückbar feststehende Unterscheidungen zwischen richtig und falsch möglich sind. Auf der anderen Seite stehen die Kontextualisten oder Relativisten. Mir scheint, dies ist eine falsche Alternative. Wir müssen anerkennen, dass unsere Begründungen immer kohärentistisch sind, das heißt, wir beziehen uns auf den größeren Zusammenhang unserer Überzeugungen. Wenn wir beispielsweise eine strittige These debattieren, dann müssen wir uns auf gemeinsam akzeptierte Überzeugungen beziehen, sonst könnten wir nicht einmal eine Debatte anfangen; wir wären uns dann nicht einmal einig, dass überhaupt ein Streitfall vorliegt. Zugleich können wir uns nicht auf ein irgendwie gegebenes sicheres Fundament stützen: Wir müssen uns auf das verlassen, was uns als gewiss erscheint.

Wie kommen wir aber von einem Anschein der Gewissheit zur Objektivität?

Es macht überhaupt keinen Sinn, wenn wir die Debatten über moralische - aber auch empirische - Fragen nicht objektivistisch oder realistisch interpretieren. Es geht uns um die Klärung moralischer Sachverhalte: Was ist richtig, was ist falsch? Das Problem ist nur, dass wir über keine Quelle der Gewissheit verfügen. Wir müssen uns damit abfinden, dass wir uns immer nur tastend voran bewegen und versuchen, von dem aus, was uns sicher erscheint, auf unsicheres Terrain vorzustoßen. Dabei gibt es keine Garantie, dass wir mit diesem Verfahren richtig liegen.

Sie sprechen von einem Verfahren, in dem sich alle Beteiligten gegenseitig Objektivität unterstellen müssen, weil sie sonst nicht miteinander kooperieren und kommunizieren könnten. Diese Objektivitäts-Unterstellung soll uns näherungsweise an die objektive Gewissheit heran führen. Was aber bedeutet das für Wertfragen? Sie bestehen ja nicht nur aus formalen Verfahrensreglements, sondern ebenso aus inhaltlichen Überzeugungen. Ein "Du sollst nicht töten!" ist eine inhaltliche, materiale Wertsetzung, auch eine anthropologische Aussage, die auf die Verletzlichkeit und Sterblichkeit des Menschen verweist.

Das Tötungsverbot gilt objektiv, unabhängig davon, ob die Gesellschaft das will oder nicht. Es war ein langer kultureller Prozess, bis dieses Verbot akzeptiert wurde. Damit ist ein Erkenntnisprozess verbunden: Wir haben dies erkannt, genauso wie wir mit der Zeit erkannt haben, dass man mit Schwächeren human umgehen sollte, auch wenn es einem selbst keine Vorteile bringt. Insofern können wir von einem materialen Realismus oder Objektivismus sprechen.

Das verweist auf unverfügbare, nicht einfach herstellbare, kulturell überlieferte Werte? Und damit doch wieder auf die Besonderheiten - den Kontext - einer Lebensform?

Jede Kultur lebt aus Traditionen, die sie sich nicht aussuchen und die sie auch nicht beliebig verändern kann.

Das Gespäch führte Christian Schlüter.
 

Quelle: Offizielle Homepage der Bundesregierung
            http://www.bundesregierung.de/dokumente/Rede/ix_45003_1424.htm

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